r/mediasres • u/AlexLaCave • 49m ago
Unsicherheit leakt in der Luft: Unbekannte haben über 300 Gigabyte interne AfD-E-Mails ins Netz gestellt. Der Kampf um die Deutungshoheit hat längst begonnen.
Auch als Podcast: https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-audio-2192.html
Die Gefahren des Hacks
Dabei gibt es reale Gefahren, die der Hack mit sich bringen könnte. Die zu beleuchten, hatte Brodkorb aber offensichtlich keine Lust.
"Es gibt gute Argumente dafür, zu sagen, dass mehr Transparenz hilfreich sein kann für die Demokratie, aber es ist immer auch eine Gefahr damit verbunden, dass tatsächlich auch ein Schaden für das System insgesamt folgen kann."
So sagt es der Politikwissenschaftler Christoph Bieber im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. Er vergleicht den Fall mit den großen WikiLeaks-Veröffentlichungen vor 15 Jahren. Im Gegensatz zu damals sei die Verunsicherung viel größer, ob man sich darauf verlassen könne,"dass das, was als Inhalt des Leaks gehandelt wird, auch tatsächlich authentisch ist". Als Hauptgrund nennt Bieber dafür den"Aufwuchs von Desinformation in allen möglichen Formen".
Im Internet kursiert so viel Mist. Das macht es für Userinnen und User immer schwieriger, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Einbesonders eindrückliches Beispiel hat t-online.derecherchiert. Denn mittlerweile kursieren auch Screenshots gefälschter E-Mails. Wenn man sich die Texte anschaut, klingen sie tatsächlich zu plump, um wahr zu sein,wie man bei volksverpetzer.de nachlesenkann:
"Felix hat auf der Veranstaltung wieder den Hitler-Gruß gemacht und sich über 'fremde Frauen' geäußert, die man ruhig auch mal vergewaltigen könne. Das ist natürlich provokant, aber er spricht nur aus, was viele denken. [...] Ein Parteiausschluss wäre aus meiner Sicht überzogen."
Kein Medium hat diese Mail als echt verifiziert. Geht ja auch nicht, sie ist fake. Trotzdem hat der CDU-Abgeordnete Bastian Schneider die E-Mail vergangenen Mittwochim baden-württembergischen Landtag vorgelesen, als vermeintlichen Beweis dafür, dass die AfD "braunen Schmutz" dulde. "Die AfD duldet 'braunen Schmutz', schreibt "Volksverpetzer", "aber das war kein echtes Beispiel dafür".
Das ist ein riesiges Problem, wenn unbedacht und ungeprüft falsche Zitate in Umlauf gebracht werden. "Es braucht keine Fälschungen. Wer trotzdem eine baut, liefert der AfD die Steilvorlage, auf die sie gewartet hat, denn damit kann sie den ganzen Leak als Fake verharmlosen", schreibt "Volksverpetzer". Und weiter:
"Ein Grünen-Abgeordneter, ein CDU-Ausschussvorsitzender und andere haben reflexhaft geteilt, was in ihr Weltbild passte.Das ist exakt der Mechanismus, mit dem die AfD ihre Lügen verbreitet. Nur mit umgekehrten Vorzeichen. Der Unterschied ist nicht, dass wir die besseren Menschen sind. Der Unterschied ist, dass unser Weltbild in dieser Hinsicht nicht mit der Realität kollidiert, und wir uns deshalb leisten können, keine Fakes zu verbreiten, um es aufrechtzuerhalten."
Auch der Grünen-MdB Johannes Wagner hat vermeintliche Zitate mit dem Satz "Die Enthüllungen um die AfD-E-Mails zeigen und belegen unfassbare Aussagen" geteilt – und dafür 140.000 Likes bei Instagram bekommen. "Nur:Die 'Enthüllungen' hatte noch kein Medium verifiziert.Wagner war offenbar auf frei erfundene Mails hereingefallen, die seit Dienstag kursieren", schreibt "t-online".
Die große Verantwortung der Medien
Journalistinnen und Journalisten tragen bei diesem Leak eine große Verantwortung."Es ist dann eine Aufgabe der journalistischen Akteure", sagt Politikwissenschaftler Christoph Bieber bei DLF Kultur, "tatsächlich Licht in dieses digitale Durcheinander zu bringen und zu zeigen, was ist echt und was ist nicht echt".
Das"Handelsblatt" hat recht eindrücklich beschrieben, wie es dabei vorgeht. Einerseits konnte es die digitalen Signaturen eines Teils der E-Mails als gültig bestätigen. Ein ähnlich guter Beweis für die Echtheit sind für viele Medienhäuser, auch das "Handelsblatt", Presseanfragen, die die Redaktionen im Laufe der Jahre an die AfD geschickt haben – und die nun wieder im Datensatz aufgetaucht sind.
Mit Mails, die nicht zweifelsfrei als echt verifiziert werden können, gehe die "Handelsblatt"-Redaktion besonders vorsichtig um:
"Sie stützt sich nicht allein auf das Archiv, sondern sucht weitere Belege. Wer in Berichten vorkommt, wird mit den Vorwürfen konfrontiert und erhält Gelegenheit zur Stellungnahme."
Auch die Funke-Mediengruppe versichert in ihrem Artikel zum Umgang mit dem Leak, dass man in der Redaktion "immer den Regeln der Verdachtsberichterstattung" Genüge tragen würde:
"Wenn sich dabei ein Verdacht gegen jemanden ergibt, dürfen wir nicht nur Beweise für den Verdacht recherchieren, sondern müssen auch nach Argumenten suchen, die vielleicht das Gegenteil zeigen. Wenn wir sicher sind, dass die Informationen authentisch sind und sich ein Verdacht möglicherweise erhärtet hat, müssen wir den Betroffenen das Recht einräumen, sich zu den Vorgängen zu äußern."
Politik-Professor Bieber beobachtet gerade einen "Kampf der Narrative", hat er dem DLF gesagt: "Die Hacker behaupteten, sie wollten Missstände aufdecken. Die AfD stelle sich hingegen als 'Opfer eines Angriffs auf die Demokratie' dar".
Die Aufgabe der Medien ist es nun, keinem der Narrative auf den Leim zu gehen. Ihre Aufgabe ist so einfach wie schwer, sie müssen – und bitte, bitte verzeihen Sie mir zum Abschluss dieses ebenfalls sehr floskelige, aber immerhin wirklich korrekt seinem Urheber zugeordnete Zitat – sagen, was ist.