Ich beziehe mich hier auf einen Post von gestern, unter welchem ich die Kommentare und Ansichten von ziemlich vielen trans Personen nicht nachvollziehen kann, und dazu ziemlich unempathisch finde.
https://www.reddit.com/r/germantrans/s/halH1CU5Yc
Ich fang mal so an: Ich bin auch stealth, sowohl im Alltag, als auch bei tiefergehenden Beziehungen. Ob ich das mein Leben lang so durchziehe weiß ich nicht, aber aktuell hab ich mich dazu entschieden. Das bedeutet eben in der Praxis, dass weder mein Arbeitgeber, noch Freund*innen oder Bekannte wissen, dass ich trans bin. Genauso sage ich das nicht bei hookups, oder beim Dating in Richtung Beziehung. Jede Person in meinem Umfeld, außer welche die mich vor meiner Transition kennen, geht davon aus, dass ich cis bin.
Ich weiß, dass dieses Thema etwas umstritten ist, aber lasst mich erklären, denn genau darum geht es in dem Post hier.
Scheinbar denken eben viele, Personen wie ich würden das machen, um "mit transfeindlichen Personen interagieren zu können", bzw. eben um sich "von der trans-Community als solche abzuspalten", und das eben nur machen, um angenommen zu werden. Ich bin aber der Auffassung, dass das eben nicht immer so ist, möglich bei manchen, aber eben nicht generell.
Ich finde aber, das kann man trennen.
Ich bin stealth, und dennoch bin ich ally. Ich kann für andere cis sein, und mich dennoch in Diskussionen auf Arbeit für trans* Personen einsetzen, was ich auch jedes mal tun würde, genauso bedeutet stealth sein nicht, dass ich mich - egal in welchem Kontext - deswegen auf transfeindliche Personen einlassen würde.
Ich kann auch "als cis Person" herausfinden, ob eine Person transfeindlich ist, und deswegen mit dieser Kontakt abbrechen, was ich ebenfalls so mache, genauso kann ich beim Dating trotz dass ich stealth bin abchecken, ob die Person nicht transphob ist, bzw. ob sie mich auch daten würde, wenn sie wüsste dass ich trans wäre, was mir eben durchaus wichtig ist.
Es geht nicht unbedingt darum, "einen anderen gesellschaftlichen Standpunkt" zu haben, sondern es kann auch einfach für den eigenen Kopf schöner, und einfacher sein.
Ich bin stealth, weil es sich schöner anfühlt, wenn sich eine Frau mit mir über ihre Periodenschmerzen austauscht, anstatt dass sie (logischerweise) denken würde "Du kannst das gar nicht nachempfinden"
Ich finde es schöner, wenn meine Partnerin oder ein hookup denkt, ich hatte eine Kindheit als Mädchen, nicht weil ich "lügen" will, sondern weil mich der Gedanke, dass diese Dinge nicht so sind selbst belastet, und dadurch dass die "Realität" für die Person mir gegenüber eine andere ist, fühlt sich das auch für mich mehr so an, als wäre es so, und ich muss weniger darüber nachdenken, was mich auch durchs trans*-Sein belastet.
Ich kann durch das "Existieren als cis Person" in der Realität meines Umfelds, mich selbst von negativen Punkten meiner Vergangenheit, bspw. durch zu langes Warten, einfach vergessen und glücklicher sein. Das heißt aber nicht, dass ich die trans* Community an sich vergesse, nur meine eigene Vergangenheit für mich als irrelevant sehe für die Gegenwart.
Ich würde nicht mit einer Person in eine Beziehung gehen wollen, die nicht mit mir zusammen sein würde, wenn sie weiß, dass ich trans bin. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht dennoch wohler fühlen kann, wenn ich für meine*n Partner*in cis bin.
Ich kann offen queer sein, ohne offen über meine Chromosomen zu sprechen.
Und das alles heißt eben ebenfalls nicht, dass ich Ansichten vertreten würde, wie dass trans*-Sein etwas negatives wäre, bzw. eben transmed wäre. Ganz im Gegenteil, ich unterstütze den gesamten trans-umbrella, bin definitiv enby-pro, und dafür dass jede Person sich so ausleben kann und soll, wie sie möchte. Ein medizinischer Weg ist keine Pflicht, und weder negativ noch positiv. Es ist einfach nur so dass ich mich auf diesem Weg wohler fühle, das heißt nicht, dass ich es nicht wundervoll finde zu sehen, wenn andere Personen offen trans leben und damit glücklich sind.
edit: noch ein Zusatz für u/synthie_cat
Was ich meine, wenn ich sage „Nur weil eine Person keine trans Personen daten möchte, ist sie nicht gleich transphob“, ist, dass ihr euch nicht Rosinen rauspicken könnt. Wer A sagt, muss auch B sagen, entweder oder.
Entweder man ist der Meinung, trans Personen wären objektiv nicht unterschiedlich zu cis Personen beim Dating, und JA, der Ansicht bin ich eigentlich auch. Dann ist aber euer „t4t„ auch nicht okay. Denn was machen wir denn da, man unterscheidet Menschen anhand von medizinischer Vergangenheit pauschalisiert.
Und wenn ihr sagt, ihr datet nur trans Personen, wegen Lebensrealität, weil man sich in dem Fall mehr mit dem Thema an sich auseinandergesetzt hat, usw., ist das eine verallgemeinerung. Objektiv gesehen ist das auch „cisfeindlich“, weil ihr generell davon ausgeht, eine cis Person wäre nicht das gleiche wie eine trans Person beim Dating. Und in DEM Fall kann eine Person auch der Meinung sein, sie möchte keine trans Person daten, bspw. mit der Begründung, ihr ist bei der anderen Person eine Kindheit als Mädchen wichtig, oder dass man sich *von selbst* mit dem trans-Thema auseinandersetzt hat, und nicht *weil man musste*
Wenn ihr der Meinung seid, trans Personen beim Dating auszuschließen wäre transphob, müsste es euch im Umkehrschluss beim Dating egal sein, ob eine Person trans ist, oder nicht, da ihr ja offensichtlich der Meinung seid, es macht keinen Unterschied. Und das ist nunmal bei den meisten, die das so sehen nicht so.
Deswegen bin ich der Meinung, wenn man trans Personen bevorzugen darf in der Community, darf man genauso cis Personen bevorzugen.
Denn warum soll man nur in die eine Richtung Präferenzen haben dürfen?