In einem meiner ersten Texte über das Judentum habe ich, als ich erklärte, was eine Synagoge überhaupt ist und worin sie sich von einer Kirche unterscheidet, Synagogen mit Volkshochschulen verglichen. Ich weiß nicht, warum ich es mir damals so unnötig kompliziert gemacht habe. Eine Synagoge heißt auf Hebräisch „Beit-Knesset“, wörtlich: Versammlungshaus. Und eigentlich steckt in diesem einfachen Namen bereits das ganze Wesen einer Synagoge. Wir versammeln uns in Synagogen aus den unterschiedlichsten Anlässen, wenn Menschen sich an einem Ort zusammenfinden müssen: Manchmal müssen wir uns versammeln, um etwas zu lernen, manchmal, um etwas zu feiern, manchmal, um zu beten (denn wie ich bereits erzählt habe, müssen Juden in den meisten Fällen in einem „Minjan“ beten, also in einem Quorum von zehn Juden, die sich alle am selben Ort befinden und gleichzeitig beten), manchmal, um eine kulturelle Veranstaltung durchzuführen und so weiter.
Heute sind die Blicke der Juden auf der ganzen Welt auf die Wahlen in Israel gerichtet. Deshalb haben wir uns unter anderem versammelt, um den Verlauf dieser Wahlen zu verfolgen. Diejenigen unter uns, die bereits die israelische Staatsbürgerschaft besitzen und sich ein Ticket nach Tel Aviv leisten konnten, sind nach Israel geflogen, um dort zu wählen. Dafür gebührt ihnen großer Dank. Die anderen haben sich wie wir heute vor die Fernsehbildschirme geklebt, um die neuesten Nachrichten und die Diskussion darüber zu verfolgen. Ich habe mit meinen bescheidenen Hebräischkenntnissen ebenfalls versucht, mich in dem Geschehen zurechtzufinden.
Israelische Wahlen werden jedes Mal, wenn sie stattfinden, als „schicksalhaft“ bezeichnet. Und tatsächlich sind diese Wahlen wohl noch schicksalhafter als gewöhnlich. Die Israelis selbst ahnen nur wenig davon, was Juden in der Diaspora, insbesondere in den westlichen Ländern, durchmachen müssen und wie stark uns die Politik eines Staates beeinflusst, zu dem viele von uns keinerlei rechtliche Beziehung haben. Natürlich wäre es aber auch absurd zu behaupten, dass wir überhaupt nichts mit Israel zu tun haben. Ich kenne keinen einzigen Juden, der in Israel keine Verwandten und Freunde hätte. Und natürlich sind wir mit diesem Land sowohl finanziell als auch kulturell eng verbunden. Deshalb beschäftigen wir uns natürlich auch stärker als andere mit den Problemen, die dort bestehen.
Wahrscheinlich weiß jeder von den Problemen in der israelischen Außen- und Sicherheitspolitik (wobei die Sichtweisen von Nichtjuden natürlich von außen geprägt sind und dadurch vieles ausgeblendet wird), aber nur wenige sprechen darüber, dass es dort auch jede Menge innenpolitische Probleme gibt. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass der wichtigste Riss durch [?] die israelische Gesellschaft entlang der ethnischen Grenze zwischen Juden und Arabern verläuft. Aber das stimmt nicht. Die Hauptquelle der Probleme liegt vielmehr in der Spaltung zwischen säkularen und moderat religiösen Juden auf der einen Seite und ultraorthodoxen Juden auf der anderen Seite, zu denen sich ideologisch erstaunlicherweise auch die arabischen Parteien gesellen [?]. Aufgrund des seit Jahrzehnten bestehenden Status-Quo im Umgang mit den Ultraorthodoxen, die dem israelischen Staat häufig nicht loyal gegenüberstehen, sich nicht am gesellschaftlichen Leben beteiligen, zu einem großen Teil überhaupt nicht arbeiten, gleichzeitig aber einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf den Alltag ausüben, in der Regierung sitzen (Ja!!! Das Land wird außerdem von Menschen regiert, die es gar nicht anerkennen. Ein sehr interessanter Staat) und Sozialleistungen von einem Staat beziehen, den sie nicht oder nur bedingt anerkennen, haben sich in Israel unzählige Probleme angestaut, die seit Jahrzehnten ungelöst bleiben. All das verschärft die Lage der Gesellschaft noch weiter.
Gleichzeitig ist die politische Landschaft Israels wohl genauso pluralistisch, wie es die jüdische Kultur selbst ist. Dort gibt es praktisch keine politischen Parteien in dem Sinne, wie die Deutschen daran gewohnt sind: Parteien, die jeweils eine bestimmte ideologische Ausrichtung vertreten und die sich relativ leicht voneinander unterscheiden lassen. Ich habe bei diesen Wahlen überhaupt keine politischen Programme gesehen. Israelische Parteien sind Parteien des jeweiligen politischen Führers, und zu verstehen, worin sie sich voneinander unterscheiden, ist ziemlich schwierig. Und für jedes einigermaßen klar formulierbare ideologische oder demografische Lager gibt es mindestens zwei Parteien, die dieses Lager vertreten (als ob! Erinnern wir uns an meine Lieblingsbeschreibung des Volkes, dem ich angehöre: „Zwei Juden, drei Meinungen“).
Deshalb konzentriert sich die Aufmerksamkeit nicht so sehr auf die Parteien selbst und darauf, was sie vorschlagen, sondern darauf, welche Politiker mit welchen anderen eine Koalition bilden und wer der „Rosch ha-Memschala“, also der Ministerpräsident, wird. Derzeit findet der wichtigste Kampf zwischen dem Lager der derzeitigen Regierung unter Führung Netanjahus und dem Oppositionslager mit Eisenkot als die Hauptfigur statt. Nach den Daten, die inzwischen vorliegen, hat die Regierung verloren, die Opposition aber nicht gewonnen. Und der eigentliche Kampf wird sich wahrscheinlich darum drehen, die arabischen Parteien auf die eigene Seite zu ziehen, die bislang keinem der beiden Lager angehören. Und wenn ihr glaubt, dass die Araber auf keine Koalition mit Netanjahu eingehen werden, irrt ihr euch gewaltig. Einer ihrer Anführer hat bereits gesagt, dass er auch mit dieser Seite Gespräche führt. Wahrscheinlich erwartet uns jedoch eine Wiederholung der Situation von vor einigen Jahren, als keines der beiden Lager in der Lage war, eine Regierung zu bilden. Und dann werden wir uns in einigen Monaten wieder vor die Bildschirme setzen, um herauszufinden, was uns wohl erwartet.